Comics & Medizin

Die Präparate in der historischen Sammlung des berühmten Berliner Pathologen Rudolf Virchow sind anonymisierte, für die wissenschaftliche Betrachtung aufbereitete Objekte. Sie präsentieren krankhafte Veränderungen des menschlichen Körpers aus der Perspektive der Medizin. Patholog*innen und Ärzt*innen lernen damit, für ihre Untersuchungen, Diagnosen und Behandlungen abstrakte und technische Vokabeln zu verwenden und eine (notwendigerweise) entpersonalisierte Sprache zu sprechen. Dabei fehlt etwas Wesentliches: Das emotionale und persönliche Erleben von Patient*innen, Angehörigen und medizinisch Tätigen kommt in dieser Sprache nicht vor.

Die Interventionsausstellung „SICK! Kranksein im Comic“ stellt den medizinischen Präparaten Comics von Künstler*innen aus acht Ländern gegenüber, die individuelle Krankengeschichten erzählen. Diese Comics, die dem neuen Genre der Graphic Medicine zugerechnet werden können, entwickeln dabei je eigene künstlerische Darstellungsweisen und kommunikative Strategien: Auf drastische, kritische und gelegentlich humorvolle Weise verbinden sie die medizinisch-klinische Sicht mit dem persönlichen Blickwinkel derjenigen, die durch eigenes Erleben Experten in Sachen Krankheit, Behinderung und Pflege geworden sind.

 

Seit ihren Anfängen haben sich Comics immer stärker ausdifferenziert: Sie sind weit mehr als Abenteuer von Superhelden und lustigen Tierfiguren, mit denen das Medium häufig assoziiert wird. Stattdessen bieten sie spätestens seit den 1970er Jahren vielschichtige sprachlich-visuelle Erzählungen, die gängige Sichtweisen und Moralvorstellungen herausfordern. Sie entwerfen kühne Geschichten aus der Perspektive von Menschen, die aufgrund von Armut, ethnischer Zugehörigkeit, Religion, Gender, sexueller Orientierung, körperlicher oder geistiger Behinderung marginalisiert werden. Auch die hier ausgestellten Comics handeln von Außenseitern.

Comics aus dem Bereich der Graphic Medicine stoßen öffentliche Debatten an. Sie verdeutlichen die verheerenden Auswirkungen von schlecht vermittelten Diagnosen, sie loten die körperlichen und seelischen Erfahrungen aus, die mit dem Eintritt in die Welt der Medizin einhergehen, und sie thematisieren die Grenzen des medizinisch Machbaren. Gleichzeitig erzählen sie Geschichten, die Mut machen können: In ihnen werden jene sichtbar, die mit Krankheit, Behinderung und Pflegebedürftigkeit leben.